Institutsportrait

Geschichte des Instituts für Pathologie

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Geschichte des Instituts

Virchow mit anatomischem Messinstrument
Virchow mit anatomischem Messinstrument
Virchow an seinem Schreibtisch
Virchow an seinem Schreibtisch

Die wissenschaftliche Pathologie an der Charité begann im Jahre 1831. Bis dahin hatten an diesem Klinikum junge, in der Anatomie unerfahrene Assistenzärzte sporadisch Obduktionen im Auftrage ihrer Vorgesetzten ausgeführt. Ende 1830 kam es unter dem Eindruck einer sich Berlin nähernden Cholera-Epidemie und der damit zu befürchtenden großen Zahl von Seuchenopfern bei den Verantwortlichen des Preußischen Ministeriums der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, des Berliner Krankenhaus-Kuratoriums und der Direktion der Charité zu Überlegungen, einen ausgebildeten Anatomen anzustellen und damit eine Prosektur an der Charité zu begründen. Erster Inhaber des Amtes wurde am 8. Mai 1831 Philipp Phoebus (1804-1880). Er versuchte von Anfang an, die neue Einrichtung den klinischen Abteilungen der Charité gleichzusetzen, scheiterte jedoch am Widerstand derjenigen Kollegen, die einen Prosektor für überflüssig hielten und am alten Obduktionsverfahren festhalten wollten. Bereits im September 1832 gab er sein Amt, das der Minister ausdrücklich als Provisorium mit der Maßgabe des jederzeitigen Widerrufs ausgeschrieben hatte, zurück.

Zweiter "provisorischer" Prosektor wurde am 1. November 1833 der Anatom und wissenschaftliche Zeichner Robert Friedrich Froriep (1804-1861). Ihm gelangten die ersten Schritte zur Etablierung der Pathologie als den klinischen Disziplinen gleichrangiges Fach.

Rudolf Virchow an der Charité

1844 wurde Rudolf Virchow (1821-1902) im Rahmen seiner Ausbildung an der Berliner Militärärztlichen Akademie - der "Pépinière" - Zeitassistent des Prosektors. Am 11.Mai 1846 wurde er Frorieps Nachfolger und konnte durch seine wissenschaftliche Tätigkeit die erstrebte Anerkennung der Pathologie an der Charité erreichen. Von 1849 bis 1856 lehrte Virchow in Würzburg. Die Charité-Prosektur leiteten in dieser Zeit Benno Ernst Heinrich Reinhardt (1819-1852; Prosektor von 1849 bis 1852) und Johann Heinrich Meckel von Hemsbach (1821-1856; Prosektor von 1852 bis 1856). Beide konnten aus gesundheitlichen Gründen und frühem Tod wenig wirksam werden.

Im Jahre 1856 erfolgte die Berufung Virchows auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Pathologie der Berliner Universität. Im Rahmen der Berufungsverhandlungen erreichte er den Bau des ersten ("alten") Pathologischen Instituts der Charité noch im Jahre 1856. Hier schuf er 1858 mit seinen Vorlesungen über "Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre" die moderne Pathologie. 1863 folgten die nicht minder bedeutenden Vorlesungen über "Die krankhaften Geschwülste". Das Institut wurde zur Ausbildungsstätte vieler oft später selbst berühmter Schüler, wie Hoppe-Seyler, von Recklinghausen, Paul Langerhans jr., Grawitz, Ponfick, Klebs, Cohnheim, Israel, Oestreich und Kaiserling. Es wurde zum Ziel von Gästen aus aller Welt. Von den durch Virchow etablierten Spezialabteilungen erreichte die chemische besondere Berühmtheit. Sie wurde zuerst von Hoppe-Seyler, anschließend von Kühne und Liebreich geleitet. Letzter Vorsteher dieser Abteilung unter dem Direktorat Virchows war Salkowski. Die von Virchow über Jahrzehnte aufgebaute pathologisch-anatomische Sammlung wurde anfangs von ihm selbst, später durch die Kustoren Jürgens und Kaiserling  betreut.

In den sechziger Jahren begann Virchows Aufstieg zu einem der universellsten Gelehrten der Geschichte. Am Ende stand neben dem Begründer der modernen Pathologie der praktische Arzt, der Politiker, der Anthropologe, der Ethnologe, der Prähistoriker, der Kommunalhygieniker und der Medizinhistoriker Virchow, der auf allen diesen Gebieten Bahnbrechendes geleistet hat.

Das Wachstum der Spezialabteilungen und der Sammlungsbereiche erforderte 1872/1873 eine Erweiterung des Instituts um zwei Seitenflügel. 1893 erging der historische Regierungsbeschluß, das heutige ("neue") Institut zu errichten, bestehend aus einem Pathologischen Museum, einem Lehr- und Forschungs-, einem Obduktionsgebäude mit Begräbniskapelle sowie einem Stall für Versuchstiere. Es wurde das größte Institut, das je für die Pathologie erbaut worden ist. Virchow erlebte nur die Fertigstellung des Museums im Jahre 1899. Er starb am 5. September 1902 an den Folgen einer Schenkelhalsfraktur. Der Institutsneubau konnte 1906 abgeschlossen werden. Das alte Gebäude wurde im gleichen Jahre abgerissen.

Virchows Nachfolger

Noch in Virchows Todesjahr 1902 wurde Johannes Orth (1847-1923), einer seiner Schüler, erster Amtsnachfolger. Er behielt die von seinem Lehrer geschaffene organisatorische Gliederung des Instituts bei und erweiterte sie. Während unter Virchow mit der anatomischen (Prosektur-), der histologischen, der Sammlungsabteilung und einem bakteriologischen Bereich vier Funktionsteile entstanden waren, etablierte Orth im neuen Institut deren sieben: eine anatomische, eine mikroskopische, eine experimentell-biologische, eine chemische, eine bakteriologische, eine Unterrichts- und eine Museumsabteilung.

Im Jahre 1917 folgte Otto Lubarsch (1860-1933) im Amt. Unter seinem Direktorat erfuhr das Institut keine wesentlichen Strukturveränderungen.

1929 wurde Robert Rössle (1876-1953) der Lehrstuhl Virchows anvertraut. Er sah es als eine seiner Hauptaufgaben an, die zentrifugalen Bestrebungen der Abteilungsvorsteher zu brechen und das gesamte Leistungsspektrum des Instituts wieder seiner ursprünglichen Bestimmung, der gemeinsamen Bearbeitung pathologischer Fragen zu dienen, zuzuführen. Deshalb ließ er 1932 durch ministeriellen Beschluß die bakterielle, die experimentell-biologische und die Museumsabteilung nicht mehr durch Vorsteher mit weitgehend autonomer Amtsführung, sondern durch jüngere Institutsassistenten leiten.

Im Zweiten Weltkrieg, durch Luftangriffe mehrfach getroffen, war das Institut bei Kriegsende zu 90% unbenutzbar. Das Museum erlitt Totalschaden, seine Sammlung von zuletzt rund 25.000 Präparaten wurde auf 2000 reduziert. Schwere Schäden erlitt das Lehr- und Forschungsgebäude, geringere das Obduktionshaus. Hier nahm Rössle 1946 den Institutsbetrieb langsam wieder auf.

Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg

Im Jahre 1950 wurde Hans Anders (1886-1953) auf den Lehrstuhl berufen. In seiner durch plötzlichen Tod beendeten Amtszeit wurde mit der Beseitigung der Kriegsschäden begonnen und unter dem ihm 1953 gefolgten Louis-Heinz Kettler (1910-1976) abgeschlossen. Neben den bereits etablierten Abteilungen ist die Neueinrichtung einer solchen für Elektronenmikroskopie und einer Gewebebank hervorzuheben.

Das Museumsgebäude blieb bis in die siebziger Jahre eine Ruine und wurde nach weitgehender baulicher Wiederherstellung an mehrere Einrichtungen der Charité vergeben. Heute hat hier das Berliner Medizinhistorische Museum seine Heimstatt gefunden, das die Virchow'sche Pathologisch-anatomische Sammlung weiter pflegt und der Öffentlichkeit präsentiert 

Nächster Ordinarius in der Institutsgeschichte wurde im Jahre 1977 Heinz Simon (1922-1993). Unter seiner Leitung wurden eine Abteilung für Automatisierte Mikroskopbildanalyse und eine öffentliche Präparate- ("Schau-") Sammlung eingerichtet.

Von 1987 bis 1991 war Heinz David (geb. 1931) Direktor des Instituts. Nach dessen Ausscheiden wurde Hubert Martin (geb. 1937) zum Amtierenden Institutsdirektor ernannt, 1992 Hans Guski (geb. 1940) in die gleiche Funktion gewählt.

Vom 1. März 1994 bis September 2016 war Manfred Dietel (geb. 1948) Leiter des Instituts.

Seit Oktober 2016 ist Ioannis Anagnostopoulos komissarischer Leiter des Instituts.

Die Prosektur

Die Prosektur ist der älteste Arbeitsbereich am Institut; ihre Gründung erfolgte 21 Jahre vor der des Instituts. Sie erfüllt auch heute noch wesentliche Aufgaben im Verband des Rudolf-Virchow-Hauses, und zwar in den Bereichen: 

  • Krankenversorgung 
  • studentischen Ausbildung 
  • Weiterbildung und 
  • Forschung

Im Rahmen der Krankenversorgung besteht die Aufgabe darin, die Obduktionen entsprechend den Regeln des Krankenhausmanagements und den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen durchzuführen. Gegenwärtig werden pro Jahr ca. 340 eines natürlichen Todes verstorbenen Patienten seziert. Dabei ist zur Aufklärung der Todesursache heute ein hoher personeller und wissenschaftlicher Einsatz erforderlich, so daß sich die Durchführung einer Sektion zu einer wissenschaftlichen Tagesaufgabe gestaltet hat. Fortschritte in Diagnostik und Therapie verlangen einen hohen präparativen Aufwand mit zahlreichen mikroskopischen Untersuchungen. Von 15% aller Sektionen werden Materialproben für die mikrobiologische, mykologische und virologische Untersuchung durch die Ärzte abgenommen. Darüber hinaus steht das gesamte methodische Spektrum des Institutes auch für die Aufklärung der Todesursache zur Verfügung.

Die Prosektur beteiligt sich an der studentischen Ausbildung durch die Gestaltung von Lehrsektionen, Demonstration von Makropräparaten und Famulaturen. Der Arbeitsbereich ist praktisch in allen Studienjahren der klinischen Ausbildung vertreten. 

Da jeder Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Pathologie seine Tätigkeit in der Prosektur beginnt, sind dort neben dem Prosektor 2-3 Ärzte ständig tätig.